Fohlen, ein Mythos oder Belastung?


Es waren tolle Zeiten in den 70iger Jahren. In Gladbach spielte die Creme de la Creme des deutschen, europäischen oder gar Weltfussballes. Stars wie Netzer, Vogts, Bonhof, Stielike, Heynckes, Simonsen oder Jensen. Dazu arbeiteten die beiden damals besten Trainer der Liga am Bökelberg. Zunächst Hennes Weisweiler und später Udo Lattek. Die Borussia wurde 5mal Meister, 1mal Pokalsieger und gewann 2mal den UEFA-Cup.

Borussia Infobild Die Struktur des Fußballs und der Vereine war damals ganz anders als heute. Es durften nur zwei Ausländer pro Mannschaft eingesetzt werden. Die Borussia setzte dabei vorwiegend auf Dänen wie Alan Simonsen, Henning Jensen oder Ulrik Le Fevre. Die Grenze nach Italien war geschlossen, die Engländer verfügten nicht über die heutige Finanzkraft. Einzig die Topklubs aus Spanien warben Spieler aus der Bundesliga ab. Dabei bedienten sie sich sehr gerne bei den Fohlen am Bökelberg (Jensen, Simonsen, Netzer, Stielike, Bonhof).

Borussias Problem lag im zu kleinen Stadion am Bökelberg, mit dem keine hohen Einnahmen erzielt werden konnten. Zur Weltmeisterschaft 1974 erhielten z.B. die Klubs in Hamburg, Dortmund, Köln, München, Frankfurt oder Stuttgart neue Stadien und damit die Möglichkeit höhere Einnahmen zu erzielen. Borussia musste diesen Standort Nachteil durch Spielerverkäufe ausgleichen. In den Jahren zwischen 1970 und 1980 blutete so die sportliche Substanz des Vereins vom Niederrhein aus.

Im Rückspiel des UEFA Cup Finales 1978/79 gewann man mit 1:0 gegen Roter Stern Belgrad und holte den UEFA Cup. Das Rückspiel fand am 23.Mai 1979 vor 45.000 Zuschauern in Düsseldorf statt. Borussias Besetzung: Kneib - Vogts, Ringels, Schäffer - Schäfer, Hannes, Kulik (Köppel), Gores, Wohlers - Simonsen, Lienen - Trainer: Udo Lattek. Berühmt wurde der Ausspruch von Berti Vogts, dass dies der vorerst letzte Titel der Borussia sei. Nach dieser Saison beendete Berti Vogts seine Karriere und Alan Simonsen verliess die Borussia. Mit dem Abgang dieser beiden Stars endete eine Ära. Jupp Heynckes übernahm das Traineramt von Udo Lattek.

Dieser Mythos der tollen 70iger hat Borussia viele Freunde eingebracht und ist der Grundstein der Beliebtheit dieses Vereines. Gleichzeitig ist der Mythos "Borussia" auch Belastung. Immer wieder hat man an der Auferstehung dieser Geschichte gewerkelt. Der wirkliche Erfolg blieb jedoch aus.

In den 80iger Jahren baute Jupp Heynckes eine neue Mannschaft auf, die durchaus gehobenes Potenzial hatte. Lothar Matthäus, Uli Borowka, Uwe Rahn, Frank Mill oder Michael Frontzeck waren Protagonisten dieser Zeit. Die Mannschaft spielte häufig tollen Fußball, konnte jedoch keinen verwertbaren Erfolg verbuchen. Auch diese Zeit war verbunden mit, teils schmerzhaften, Spielerverkäufen. Borussia dümpelte später, Ende der 80iger, in Richtung Mittelfeld der Liga und mitunter wurde der Klassenerhalt zum Erfolg.

Unter Manager Rolf Rüssmann erlebte die Borussia eine Wiederauferstehung. Rüssmann operierte geschickt am Transfermarkt indem er Spieler wie Effenberg, Herrlich, Dahlin oder Patrick Andersson verpflichtete. In Folge wurde man Mitte der 90iger Jahre Pokalsieger. Dieser Erfolg läutete jedoch den Niedergang ein. Eine unglückliche Transferpolitik und die nach wie vor vorhandenen Standort Nachteile führten zum Abstieg kurz vor dem Millenium. Seither ist die Borussia ein Kandidat, der irgendwo zwischen erster und zweiter Liga schwebt.

Paradox ist, dass mit dem sportlichen Abschwung der wirtschaftliche Aufschwung kam. Das neue Stadion, die Vermarktung der Borussia und die Infrastruktur sind absolut erstklassig. Nur der sportliche Erfolg will sich nicht einstellen. Klar dürfte sein: Jeder Freund der Borussia und auch die Veranwortlichen träumen von den Erfolgen der 70iger Jahre. Man will diese Fussball Romantik erneut erleben und übersieht dabei, dass dieses Märchen zu einer ganz anderen Zeit spielte.

In den Jahren von 1970 bis 1980 war die Anzahl der Ausländer auf zwei Spieler beschränkt. Bei 18 Bundesligisten durften mithin an einem Wochende 36 Ausländer eingesetzt werden. Man kann heute davon ausgehen, dass an einem Spieltag das dreifache an ausländischen Spielern mitwirkt. Diese Fülle der Legionäre ist mit dafür verantwortlich, dass die Liga ausgeglichener geworden ist. In den 70iger Jahren konnte man durchaus beobachten, dass die Mannschaften regional besetzt waren. So spielten bei den Bayern waschechte Bayern, in Köln Rheinländer und in Hamburg Leute von der Waterkant. Das gesamte Transfergeschäft war wesentlich eingeschränkter als heute. Selbst nach Auslaufen eines Vertrages kostete ein Spieler Ablöse! Sicherlich spielt hier auch das Bosman Urteil eine Rolle, welches letzten Endes zur ablösefreiheit von Spielern nach Vertragsablauf führte. Ein weiteres tat die Grenzöffnung innerhalb der EU.

Zur damaligen Zeit waren die Zuschauereinnahmen erster Posten der Etats der Vereine. Die heutige Vermarktung durch Fernsehen oder Merchandising waren zu dieser Zeit undenkbar.

In Folge dieser Zusammenhänge waren Vereine damals dazu gezwungen Mannschaften kontinuierlich aufzubauen. Das Zusammenkaufen einer Mannschaft, wie heute durchaus möglich, scheiterte damals an den vorgenannten Faktoren. Der Transfermarkt war einfach zu eng bestückt. Zu dieser Zeit gab es auch noch keine Verquickung von Wirtschaft und Fussball, wie wir sie heute in Leverkusen, Wolfsburg oder Hoffenheim beobachten. Erste bescheidene Schritte in diese Richtung erlebte man mit den Bayer-Teams aus Uerdingen und Leverkusen. Der Transfermarkt bot demnach damals nicht soviel Kapital und die kaufbaren Kontingente an Spielern waren arg beschränkt.

Es ist von daher trügerisch auf eine Rückkehr dieser Zeit zu warten oder solch ein Vorgehen heute zu versuchen. Der Spitzenfussball unserer Tage wird durch Kapital bestimmt. Die großen Teams wie Chelsea, Manu, Bayern, Real oder Barcelona sind in der Lage die besten Spieler zu kaufen und vertraglich zu binden. Eine Borussia der 70iger Jahre hätte heute nicht mehr die Zeit zu wachsen. Bereits vor einem ersten grossen Erfolg wäre sie längst ausverkauft. Man sollte sich also von der Hoffnung auf eine Rückkehr des Mythos Borussia analog der 70iger Jahre trennen. Was damals geschah ist einmalig und kommt in dieser Form nicht wieder!

In Mönchengladbach versucht man nun seit einigen Jahren an die alten erfolgreichen Zeiten anzuknüpfen. Hierbei wurde und wird die Strategie immer wieder geändert. Das Personalkarussel dreht sich dabei schnell und ein wirklicher roter Faden fehlt. Hierbei wirkt sich die Vergangenheit als Hypothek aus. Die Öffentlichkeit erwartet endlich Erfolge und diese wollen und wollen sich nicht einstellen. Naturgemäss werden die Ergebnisse schlechter, je mehr der Druck sich erhöht. So scheitert man letzten Endes an sich selber oder an seiner Erwartungshaltung. Einfach gesagt: Man steht sich selber im Wege, was man ja auch so bildlich durchaus auch auf dem Spielfeld beobachten kann.

Die Architekten der großen Erfolge der 70iger Jahre hatten eine Vision. Ein Hennes Weisweiler suchte die Spieler für sein System und baute nach und nach eine große Mannschaft auf. Auch damals ging dies nicht nur mit Talenten. Vor dem ersten Meistertitel griff die Borussia tief in die Tasche und verpflichete mit den Spielern Sieloff und Luggi Müller zwei Nationalverteidiger. Dies war der fehlende Mosaikstein zum Erfolg.

Die heutige Borussia benötigt ebenfalls eine Vision. Und sie braucht Architekten, die diese Vision umsetzen. Das Gladbach unserer Tage kann sich nur die Legionäre der durchschnittlichen Klasse leisten. Diese findet man immer wieder in Gladbach, sie bringen den Verein aber nicht wirklich vorwärts. Beim letzten Abstieg war es ein Akteur wir Insua, der für 4,5 Millionen Euro verpflichtet wurde. Heute sind es Spieler wie Bobadilla, Arango oder de Camargo. Zweifelsfrei alles gute Fußballer, aber zum Aufbau eines etablierten Bundesligisten ungeeignet. Es fehlt einfach die Bindung zum Verein, es mangelt an Identifikation und der Extraklasse der Akteure. Solche Spieler nannte man früher "Schönwetterspieler".

Die Borussia jagt seit Jahren einem Phantom hinterher. Und durch diese Jagd gerät man immer wieder ins Stolpern. Erst wenn man erkennt, dass die Vergangenheit vergangen ist und man in der Gegenwart lebt, werden sich die Dinge auch ändern. Man kann nur hoffen, dass man mit einem Konzepttrainer langfristig wieder in die Erfolgsspur kommt. Ob das derzeitige sportliche Management hierfür die notwendige Kompetenz hat ist sicherlich diskussionswürdig.

Bei solch einer Vision können nicht die Bayern, Leverkusen oder Dortmund der Gradmesser sein. Vereine wie Hannover oder Mainz leben vor, wie man sich in der 1.Liga etabliert. Solch ein Etablieren mit punktuellen Erfolgserlebnissen muss Ziel der Borussia sein. Vielleicht ergibt sich dann auch mitunter die Plattform zu höherem (z.B. auch über den Pokalwettbewerb). Nur muss man im Moment feststellen, dass man selbst von der Umsetzung dieser Vision meilenweit entfernt ist. Leider ist dies fraglos die aktuelle Realität.

Mister Bulicheck - Experte für Borussia Mönchengladbach und die Fussball Bundesliga!