
09.09.2004 002 Faule Fussballer oder zu hohe Gagen?
05.09.2004 001 Der Weltmeister kommt!
Faule Fussballer oder zu hohe Gagen ? (002 vom 09.09.2004)
Eine grosse Deutsche Boulevard-Zeitung hat sich in dieser Woche mit dem o.g. Thema der "faulen Fussballer"
befasst. In der Tat steckt in diesem Thema eine Menge an Ironie, Schizophrenie und Widerspruch. Manch
Fan (Foto) wird sich hierzu auch seine Gedanken machen und wir wollen nachfolgend versuchen einige
Aspekte hierzu aufzuzeigen.
Während der Fussballer der 60er noch so eine Art Halbprofi war (Uwe Seeler jobbte beispielsweise als Vertreter
für Sportartikel) entwickelte sich in den 70ern nach und nach das Business Fussball zum kommerziellem
Vollprofitum. Ich glaube Helmut Grashoff, damals Manager von Borussia M'gladbach, erfand die Bandenwerbung
und Günther Mast (damals Präsident von Eintracht Braunschweig) schickte seine Spieler erstmalig mit Trikotwerbung
auf den Platz. In den 70ern fanden auch die ersten grossen Transfers statt - damals insb. in Richtung
Spanien (Netzer, Breitner, Stielicke, Bonhof, etc.). Diese Transfers waren jedoch, im Vergleich zu
dem was noch folgen sollte, nur "kleine Fische". In den 80ern wurden die Dimensionen an Transfers
und Gehältern noch gewaltiger, wobei sich vor allem die Italiener recht spendabel zeigten. Juventus
verfügte zu dieser Zeit beispielsweise mit den Mittelfeldstrategen und Legionären Platini und Boniek über eine
herausragende Truppe. Damals verdienten auch zahlreiche Deutsche ihre Meriten jenseits der Alpen
(Rummenigge, Hansi Müller, Hässler, Völler, Brehme, Klinsmann, Briegel, Riedle, Berthold, etc.).
Mit dem Bosman-Urteil und der Öffnung der Grenzen durch die EU fielen dann in den 90ern alle finanziellen
Grenzen und es kam zu gigantischen Transfers. Diese "Explosion" ging einher mit dem gewaltigen Boom
im Technologie- und Mediensektor. Es wurden TV-Verträge mit exorbitant hohem Volumen abgeschlossen
in der Hoffnung auf immer weiter steigende Einnahmen. Dies erwies sich dann (teilweise) als
gewaltige Seifenblase und heute sind (fast) alle Vereine gezwungen kleinere Brötchen zu backen. Der
Markt hat sich an dieser Stelle selber reguliert. Trotzdessen steckt in diesem Thema eine Menge an
Widerspruch. In Zeiten in denen viele in Anbetracht der anstehenden politischen Reformen um ihre
Existenz bangen erhalten Fussballer Gagen in Millionenhöhe. Um es etwas überspitzt zu formulieren:
Da spart der alte Nachbar (mit kleiner Rente) von nebenan sich jeden Cent ab um sich die Eintrittskarte
fürs nächste BL-Spiel am Wochenende leisten zu können - derweil unterschreibt sein Lieblingsspieler
gerade einen Vertrag mit einer Jahresgage von 2 Millionen Euro. Jedoch ist dieser Gegensatz durchaus
erklärbar. Entgegen aller heutigen im Geschäftsleben üblichen Anforderungen wie Flexibilität, Spontanität,
keiner Angst vor Veränderung braucht der Mensch auch feststehende Dinge in seinem Leben. Und für
viele ist dies das Wochenende mit der Bundesliga. Der Fussball lässt diese Menschen aus der Tristesse
ihres Lebens entflüchten und macht Alltagssorgen vergessen. Aus diesem Grunde "verzeiht" der o.g.
Rentner auch das Gehalt seines Lieblingsspielers. Viele Sportarten sind heute nicht nur Sport - viele
Sportarten sind heute kommerziell genutzte Unterhaltung (z.B.: Tennis, Basketball oder Formel 1). Werbung,
Merchandising, Vermarktung im TV oder anderen Medien sind Schlagworte dieses Trends. Hierbei geht es
nicht um Moral, sondern vielmehr um das Prinzip des Angebotes und der Nachfrage. Und dieses Prinzip
des Angebotes und der Nachfrage bestimmt letzten Endes auch die Gehälter der eigentlichen Darsteller
(Spieler und Trainer). Schon bei den olympischen Spielen im antiken Athen war es so, dass ein
Olympiasieger mit seinem Titelgewinn für sein weiteres Leben ausgesorgt hatte. Und wer mit Glück,
Talent und eine Reihe anderer Attribute Fussballstar, Schauspieler oder sonst etwas derartiges wird,
kann sich eines prall gefüllten Geldbeutels erfreuen. Nun muss man der Fairness halber auch sagen,
dass die wenigsten von uns tatsächlich Fussballstar werden könnten. Man benötigt hierzu neben Talent
auch Disziplin, Härte gegen sich selbst, Glück von Verletzungen verschont zu bleiben und man muss
entdeckt werden. Viele sehr talentierte Spieler scheiterten letzten Endes an sich selber und konnten
nie ihr Potenzial ausschöpfen. Kehren wir aber zu unserer ursprünglichen Frage zurück, die in die
Richtung geht, ob die hohen Gagen der Profis berechtigt sind. Dieses lässt sich nicht eindeutig
mit "ja" oder "nein" beantworten. In jedem Fall verdienen Fussballer unter Ausübung ihres Hobbies
sehr viel Geld. Wenn Fussballer beispielsweise darüber klagen, dass zu viele Spiele auf dem Programm
stehen, so ist dies für mich nicht nachvollziehbar (als Kinder/Jugendliche haben wir jeden Tag über
Stunden gekickt). Auch trifft man immer wieder Mannschaften an, die mehr Söldnertruppen gleichen.
Eine Identifikation der Spieler mit dem Verein ist nicht vorhanden und letzten Endes geht es nur
ums liebe Geld. Solche Erscheinungen wird mancher Fan auch in der Bundesliga der letzten Jahre
leidvoll beobachtet haben. Hier bringt es unser Kaiser (Beckenbauer) auf den Punkt: "Man kann nicht
immer gut spielen - man muss aber erwarten, dass jeder Spieler in jedem Spiel alles gibt." Die Fans
sind an dieser Stelle übrigens recht sensibel - entsprechende Reaktionen konnte man beispielweise
vor nicht allzulanger Zeit in Köln beobachten.
Wir haben versucht die Frage nach der Berechtigung der hohen Gagen zu durchleuchten. Eindeutig
beantworten lässt sich diese Frage nicht und die Meinung hierzu liegt vermutlich stark im Blick
des Betrachters. Die einzige Regel in diesem Bereich ist die, dass Angebot und Nachfrage die
bestimmenden Faktoren sind. Nicht jedem Profi dürfte dieser Zusammenhang letzten Endes klar sein.
Es ist jedoch (leider) auch ein Zeichen unserer Zeit, dass viele Sportstars, Top-Manager oder
Politiker den Bezug zum realen Leben der "normalen" Bevölkerung verloren haben.
Für die meisten Fussballfans aber gilt: Siegt der Lieblingsverein ist die Welt in Ordnung
und bei Misserfolgen wird geschimpft. Die wichtigste und schönste Nebensache der Welt bleibt
der Fussball trotzdem und zum Arbeitsbeginn am Montag können wir uns zumindestens auf die
Diskussionsrunde zum letzten Spieltag mit unseren Kolleginnen und Kollegen freuen.
In diesem Sinne viel Spass am 4. Spieltag der Fussball-Bundesliga
Mister Bulicheck
In diesem Sinne: Viel Freude am Spiel gegen den Weltmeister
Das aktuelle Thema - Der Weltmeister kommt......(002 vom 05.09.2004)
An diesem Wochenende keine Bundesliga - anstatt dessen steht das Länderspiel gegen Weltmeister
Brasilien am 08.09.2004 auf dem Programm. Zeit, sich einmal über die Deutsche Nationalmannschaft Gedanken zu
machen. Eines hierbei vorab: Die Deutsche Nationalelf ist sicherlich nicht so schlecht, wie man
sie nach der Euro2004 geredet hat. Sie ist aber auch nicht so gut, wie man nach der Vizeweltmeisterschaft
2002 annehmen durfte. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte......Die Euro2004 hat eigentlich
nur eines verdeutlicht: Zumindestens in Europa gibt es momentan kein wirklich herausragendes
Team. Wir gönnen Otto und seinen Griechen den Titel........aber gerade der Gewinn der Euro durch
die Griechen belegt diese These. Es besteht momentan eine grosse Ausgeglichenheit der Nationalmannschaften
in Europa. Auch andere grosse Nationen wie Italien, Spanien, England, Frankreich oder die Niederlande
haben relativ früh die Segel bei der Euro2004 streichen müssen und in dieser "Suppe der Ausgeglichenheit"
kann jeder jeden schlagen. Wo stehen aber nun wir Deutschen mit unserem Team im internationalen Vergleich?
Beginnen wir im Tor: Hier verfügen wir sicherlich über fünf bis sechs Torhüter, welche in anderen
Nationalmannschaften Stammspieler (Kahn, Lehmann, Hildebrand, Butt seien exemplarisch genannt) wären.
Im Tor sind wir international mehr als konkurrenzfähig. In der Abwehr ist die Situation durchaus
geteilt. Im Bereich der Aussenverteidiger stehen durchaus einige Spieler mit guter Perspektive
zur Verfügung. Rechts Friedrich, Hinkel bzw. Lahm oder Rau links. Hinzu kommt mit Görlitz
ein weiterer durchaus zu beachtender Akteur. Der Schuh drückt mehr in einem Bereich, der stets
die Domäne der Deutschen war - gemeint ist die Innenverteidigung. Seit den glorreichen Zeiten
eines Katsche Schwarzenbeck verfügten wir stets über Innenverteidiger (früher hiess es Manndecker
oder ganz früher Vorstopper) von Weltklasse.
Doch die Schwarzenbecks, Försters, Eders, Jakobs oder Kohlers der Vergangenheit sind heute rar.
Metzelder verletzt, Wörns angeschlagen, Linke zu alt - Alternativen auf dieser Position sind
dringend nötig, ein Verteidiger von Weltklasseformat ist nicht vorhanden (und gerade der
Eurogewinn der Griechen hat gezeigt, wie wichtig eine starke Defensive für den Erfolg ist).
Etwas freundlicher die Situation im Mittelfeld. Der Bayern-Block Ballack, Frings und Deisler
hat spielerisches Potenzial und ist sicherlich im internationalen Vergleich gehobene Güte.
Dazu findet man in der Bundesliga talentierte Mittelfeldspieler wie Schweinsteiger oder
den Gladbacher Broich. Im Mittelfeld sind wir zwar keine Weltklasse - könnten es aber in
Anbetracht des Alters der möglichen Kandidaten durchaus werden.
Die zweite Domäne der Deutschen war stets im Angriff zu finden.
Wir hatten "uns Uwe", wir hatten den Bomber der Nation (Gerd Müller), Dieter Müller, Jupp
Heynckes, Hrubesch, Fischer, Rummenigge, Klaus Aloffs, Völler, Klinsmann und wie sie alle
hiessen. Unsere Stürmer waren stets gefürchtet und gehörten (zu ihrer Zeit) jeweils zu den
besten Angreifern der Welt. Heute ist das Angebot an brauchbaren Spielern in diesem Bereich
eher gering und ein absoluter Angreifer von Format hat sich noch nicht gefunden. Kuranyi, Klose oder
Podolski könnten von der Veranlagung her einmal "Grosse" werden - doch ob der Durchbruch
gelingt bleibt abzuwarten. Die Perspektiven sind da - aktuell ist unser Angriff jedoch nur
durchschnittlicher Natur. Beleuchten wir nun noch das Trainergespann. Über Klinsmann und Löw
ist nach ihrer Verpflichtung viel diskutiert worden. Sie sind sicherlich keine Trainer
internationalen Flairs mit grosser Erfahrung oder grossen Erfolgen im Rücken. Insb. Klinsmann
scheint aber seine Vorstellungen ohne Kompromisse durchziehen zu wollen, um sich u.a. hiermit
zu profilieren (Ballack als Kapitän, neue Übungsformen, etc.). Man sollte dem Trainergespann
einfach unvoreingenommen eine Chance geben und die weitere Entwicklung abwarten. Tatsächlich
ist das Nationalteam im Findungs- und Umbruchprozess und Rückschläge werden kommen. Wir sind
aber optimistisch, dass Deutschland 2006 über eine konkurrenzfähige Mannschaft verfügen
und mit Heimvorteil ein gutes Turnier spielen wird. Wir haben durchaus eine Truppe mit
Perspektive, wenn man sich einmal folgende Aufstellung anschaut: Hildebrand - Hinkel, Friedrich,
Fahrenhorst, Lahm (Görlitz)- Frings, Ballack, Deisler, Broich (Schweinsteiger) - Podolski, Kuranyi.
Andere Nationen wären froh, wenn sie soviele junge und talentierte Spieler in der "Hinterhand"
hätten.
Zum Schluss noch etwas zum Spiel am Mittwoch. Es ist ein Prestigeduell und die Revanche für
das Finale bei der WM 2002. Demzufolge sollte man davon ausgehen, dass beide Mannschaften mit
vollem Einsatz ans Werke gehen werden. Hierbei ist Brasilien der klare Favorit und gerade
darin liegt die Chance der Deutschen. Es gibt kein leichteres Spiel als eine Partie gegen den
Weltmeister. Man kann nicht verlieren - sondern nur gewinnen. Die Deutschen Fans werden auch
weniger auf das Ergebnis, als mehr auf die Leistung der Mannschaft schauen. Stimmt die und
man verliert, so ist dies auch o.k. In jedem Fall wollen wir hoffen, dass es eine interessante
und temporeiche Begegnung zwischen diesen beiden grossen Fussballnationen werden wird. Und gegen
eine Überraschung (natürlich eine positive) hätten wir auch nichts einzuwenden.
Mister Bulicheck