Die wilden 70er
Die noch heute anhaltende Beliebtheit der Borussia liegt begründet in den grossen
Erfolgen und den grossen Enttäuschungen, welche Borussia Mönchengladbach in den 70er Jahren erlebte.
Die Fakten der 70er werden viele kennen (fünf Meisterschaften, ein Pokalsieg und zwei Siege
im UEFA-Cup) - von daher wollen wir nicht so sehr auf diese reinen Fakten eingehen. Viel mehr
soll die Frage sein, was das faszinierende an Borussia ist und war. Gemeinsam mit den Münchner
Bayern stieg der Club vom Niederrhein im Jahre 1965 in die Bundesliga auf. Nach und nach formte
der Ur-Rheinländer Hennes Weisweiler (Foto) aus Talenten eine Truppe, die man später bezeichnender
Weise als "Fohlen" titulierte. Es waren teilweise junge Hüpfer, die mit der Unbekümmertheit
von Fohlen ihr Heil im Spiel nach vorne suchten. In ihren weissen Trikots (Hennes Weisweiler
muss wohl eine Abneigung gegen die schwarzen Gladbacher Trikots gehabt haben) stürmten die
Borussen munter durch die Bundesliga und gerade zu Beginn der Erstligazugehörigkeit
gab es manche deftigte Klatsche. Ende der 60er hatte sich der Fohlenstall etabliert und
man erkannte am Bökelberg, dass eine stabile Defensive Grundlage für grössere Erfolge ist.
Von daher erklärte es sich, dass man mit Luggi Müller und Klaus-Peter Sieloff zum Ende der 60er
bzw. Beginn der 70er zwei gestandene Abwehrstrategen an den Bökelberg holte. Mit diesem Abwehrverbund
plus selbst geförderter Spieler wie Vogts, Netzer, Heynckes, Kleff, Le Fevre, Wimmer usw. wurde
die Borussia 1969/70 erstmalig Meister der Bundesliga. Im Jahre 1971 kam es
dann zu einer Begebenheit, die sympthomatisch für diesen Klub ist und war. Zu einem Europacup-Spiel
war der berühmte Klub Inter Mailand am Gladbacher Bökelberg zu Gast und bezog eine derbe
1:7 Niederlage, welche den Millionaros aus Italien noch schmeichelte. Es kam dann jedoch zum
allgemein bekannten Büchsenwurf, welcher die Annullierung des Ergebnisses und eine Wiederholung
des Spieles zur Folge hatte. Im Endergebnis schied Borussia aus und ganz Fussball-Deutschland
trauerte. Solche recht tragischen und auch unsportlichen Gegebenheiten findet man einige
auf dem Weg der Borussia. Da war beispielsweise ein gewisser Schiedsrichter von der Kroft,
welcher Borussia im Bernabeu-Stadion zu Madrid im Jahre 1976 verpfiff (ich hätte damals in den
Fernseher treten können) oder der Pfostenbruch im BL-Spiel gegen Werder Bremen 1971. Eine
andere Facette war die wirtschaftfliche Situation des Vereins aus dem Grenzland. Ein zu kleines
und veraltetes Stadion generierte zu geringe Einnahmen um alle Spitzenspieler in Gladbach
halten zu können. Jahr für Jahr mussten Spieler abgegeben werden (Le Fevre, Netzer, Bonhof,
Stielicke, Simonsen, Jensen, etc.), um durch die Transfererlöse die Finanzlücken zu schliessen.
Die beiden vorgenannten Punkte der tragischen Misserfolge und des permanten Aderlasses bergen
im übrigen die Faszination des Klubs. Der Mythos entstand, weil man es trotz dieser widrigen
Umstände immer wieder schaffte grosse Erfolge zu feiern und Millionen mit attraktivem Fussball
zu unterhalten. Dabei blieb man am Bökelberg seiner Linie immer treu und es gab nie Skandale.
Man kann es auch anders sagen: Eine Mannschaft zusammen kaufen (wenn man das nötige Geld hat)
kann jeder - eine Mannschaft mit Konzept aufbauen können nur wenige.
Bis Mitte der 70er erreichte BMG unter Hennes Weisweiler sowohl national, als auch international
beachtliche Erfolge (Meister, Pokal, UEFA-Cup). Die damalige Mannschaft dürfte im Bereich des
Offensivfussballs die beste Vereinsmannschaft Europas (ihrer Zeit) gewesen sein. Es dürfte
schwer sein einen Sturm der Qualität Heynckes, Simonsen, Jensen vor und nach der grossen Gladbacher
Zeiten zu finden. Mitte der 70er verliess Hennes Weisweiler den Bökelberg in Richtung Spanien
und sein Nachfolger wurde Udo Lattek. Man muss verstehen, dass es von Beginn der 70er bis Mitte
der 70er zwei dominierende Klubs in Deutschland gab. Zum einen war dies die Borussia, zum anderen
die Bayern aus München um ihren Kaiser Franz (Foto).
Einige Klubs (Braunschweig, Schalke oder Köln) versuchten in diese
Phalanx einzubrechen, was ihnen jedoch nie oder nur ansatzweise gelang. Die damaligen Aushängeschilder,
was Trainer anging, waren Hennes Weisweiler in Gladbach und Udo Lattek in München. In der
Weisweiler-Nachfolge in Form von Udo Lattek lag eine Menge Brisanz. Der eine Top-Trainer ging
und wurde durch den anderen Top-Trainer des Deutschen Fussballs ersetzt. Mit Udo Lattek war
man ebenfalls erfolgreich - das Spiel der Borussen wurde jedoch mehr ergebnisorientiert.
Hennes Weisweiler sollte jedoch noch einmal der Borussia begegnen und mit an der Trendwende
am Bökelberg beteiligt sein. Als Rückkehrer in die Bundesliga führte Hennes Weisweiler 1977/78
den 1.FC Köln zum Meistertitel. Am Ende der Saison standen der FC und BMG punktgleich an der
Tabellenspitze, jedoch hatte der FC das bessere Torverhältnis (86:41 gegenüber Gladbach mit 86:44).
Unvergessen das 12:0 der Borussia am letzten Spieltag gegen den Namensvetter aus Dortmund, welches
trotz der Höhe des Ergebnisses für Gladbach nicht reichte. Übrigens musste ein gewisser Otto
Rehhagel nach diesem Spiel seinen Hut in Dortmund nehmen und der damalige BVB-Keeper (ich glaube
er hiess Endrulat) spielte nie wieder in Liga 1. Dieses Nicht-Erreichen der Meisterschaft
läutete das Ende der grossen Ära der Borussia vom Bökelberg ein. Der Kreis schloss sich in
der Person Hennes Weisweiler, der am Anfang und am Ende der Ära stand.
Was in den 70ern in und um den Bökelberg geschah dürfte heute nicht mehr vorstellbar sein.
Ein Trainer, der in Ruhe Talente formen und fördern kann. Ein Management, welches nach streng
kaufmännischen Regeln handelt und sich nicht in die sportlichen Belange des Trainers einmischt.
Ein familiär geführter Verein, welcher wirklich den Titel "Verein" und nicht "Wirtschaftsunternehmen"
verdient. Wir finden so etwas heute kaum noch und wenn kämpfen solche Vereine in der Regel
ums sportliche Überleben (zu etwas vergleichbarem würde mir heute nur der SC Freiburg einfallen).
Wer die 70er jedoch erlebt hat wird verstehen, warum dieser Club (auch heute noch) zu den
beliebtesten Fussball-Klubs Deutschlands wurde. Dies ist sicherlich nicht wiederholbar, vielleicht
wird der sympatische Klub vom Niederrhein aber bald (in sicherlich anderen, neuen Konturen)
an alte Erfolge anknüpfen können.