Spielsysteme im Fussball


Eine Zeitreise

Die Rolle der Taktik im Fussball

Ein schlauer Trainer hat es einmal recht profan formuliert: "Bei einer beschissenen Mannschaft nutzt die beste Taktik nichts!". Dem kann man grundsätzlich nur zustimmen. Trotzdem haben Taktik und Spielsysteme den Weg des Fussballes begleitet. Und sicherlich haben sie auch, zumindestens teilweise, über Sieg und Niederlage entschieden.

Mitte der 20iger Jahre des 20.Jahrhunderts entstand das sogenannte WM System. Mit dieser Spielausrichtung wurde Deutschland übrigens 1954, erstmalig, Weltmeister! Das WM System entspricht einem 3-2-2-3 System. Die Abwehr bestand aus drei Spielern, die auf einer Linie verteidigten (linker Verteidiger, Mittelläufer, rechter Verteidiger). Das heutige Mittelfeld bestand aus zwei Spielern, die Außenläufer genannt wurden. Davor befanden sich zwei Halbstürmer. Und in vorderster Linie gab es drei Stürmer, hierbei zwei Außenstürmer und ein Mittelstürmer. Zur Relativierung: Die Halbstürmer und die Außenläufer wären wohl, nach heutigem Maßstab, Mittelfeldspieler. Das WM System war demnach eine Art 3-4-3 System, wenn man es aus heutiger Sicht betrachten würde.

Aus dem Mittelläufer früherer Tage entwickelte sich im Laufe der Zeit der sogenannte Libero. Der Begriff leitet sich aus dem lateinischen ab, wo libere frei bedeutet. Der Libero war demnach der freie Mann, der keine direkte Deckungsaufgabe bezüglich der gegnerischen Stürmer hatte. Seine Aufgabe war die Organisation der Abwehr und das Eingreifen an Stellen, an denen der Gegner durchbrach. Bedingt durch die zweite Aufgabenstellung wurde der Libero auch mitunter Ausputzer genannt. Der Vorteil dieser taktischen variante lag in der Tiefe der Abwehr, welche durch den Libero entstand. Seine Abwehrspieler waren vor ihm angeordnet. Hierdurch konnte er die Abwehr übersehen und entsprechend ordnen. Ferner wurden Schwachstellen in der Deckung gut erkennbar und der Libero konnte dort gezielt einschreiten. Typisch, zu dieser Zeit, war die Ausrichtung in einem 4-3-3 System. Die Mannschaft bestand dann aus Torwart - Libero - Vorstopper - linker Verteidiger, rechter Verteidiger - Mittelfeld links, zentrales Mittelfeld, Mittelfeld rechts - Rechtsaußen, Mittelstürmer, Linksaußen. Besonders die 70iger Jahre sind von diesem System geprägt!

Bemerkenswert an dieser Stelle: Im britischen Fussball wurde von je her die Verteidung in einer Viererkette favorisiert. Dies meint zwei Außenverteidiger und zwei Innenverteidiger. Speziell in den 70iger und 80iger Jahren wurde dieses System als antiquiert betrachtet. Man ging davon aus, dass dieser Taktik die notwendige Tiefe in der Abwehr fehlte, weil es keinen Libero vor sah. Ironie daran: Heute gilt das Spiel mit Libero als antiquiert und die Viererkette gilt als das non plus ultra.

In den 90iger Jahren ergab sich sukzessive ein Wandel, was die Taktik der Teams betraf. Mehr und mehr wurde klar, dass das Mittelfeld eine entscheidende Bedeutung im Spiel hatte. Die meisten Teams traten nur noch mit zwei Stürmern an. In der Defensive wurden nun, in der Regel, zwei Manndecker vor dem Libero eingesetzt. Daraus entstand das sogenannte 3-5-2 System, mit dem Deutschland 1990 Weltmeister wurde. In diesem System spielte die Hälfte der Feldspieler im Mittelfeld!

Den Wandel der Spielausrichtung kann man recht gut an den Deutschen Weltmeistertiteln beobachten: 1954 spielte man im WM-System, 1974 im 3-4-3 System und 1990 im 3-5-2 System.

Mit steigender Athletik und dem Versuch ökonomischer zu spielen kam die Abkehr vom Spiel mit einem Libero. Die Balleroberung mittels Pressing rückte mehr in den Vordergrund. Hierbei sind beim Pressing zwei Aspekte gemeint. Zum einen soll die Spielausrichtung so gewählt werden, dass in der Nähe des Balles eine Überzahl der eigenen Spieler erreicht wird. Man spricht hier auch gerne vom Spiel gegen den Ball. Taktisch soll der Gegner damit in Richtung seines eigenen Tores "gepresst" und vom eigenen Tor fern gehalten werden. Zudem dient diese Form des Spiels zur Eroberung des Balles durch Schaffung von Überzahl Situationen.

Zwei Faktoren sind bei der neuen Spielsystematik zu beachten. Die Abwehr erfolgt nicht mehr gegen einen fest zugeordneten Gegenspieler (Manndeckung). Die Abwehrarbeit wird in zugeordneten Zonen des Spielfeldes (Raumdeckung) geleistet. Die gesamte Spielorientierung verlagert sich mehr nach vorne, um den Abstand des Gegners vom eigenen Tor zu vergrößern. Hierdurch nahm die Bedeutung des defensiven Mittelfeldes zu. Man hört in diesem Zusammenhang immer wieder Begriffe wie "Abräumer" oder "Staubsauger vor der Abwehr".

Man könnte, taktisch betrachtet, zu einem anderen Schluss kommen, wenn man es rein sprachlich beschreiben will. Der Stratege, Ausputzer oder Abräumer früherer Tage, der da Libero hieß, findet heute im Mittelfeld statt. Oder anders formuliert: Der Libero wurde, spieltechnisch, weiter nach vorne (ins Mittelfeld) geschoben. Heute entspricht der Chefstratege des defensiven Mittelfeldes dem Libero früherer Tage! Die Begründung liegt in der allgemeinen Verlagerung des Spieles nach vorne hin, wenn es um Abwehr und Defensivarbeit geht.

Durch die vorgenannten Umstände ergibt sich, dass oftmals wenig Raum zur Verfügung steht, in der die Spielentwicklung erfolgen kann. Viele Mannschaften stellen sich defensiv engmaschig in zwei Viererketten auf. Diese Viererketten verschieben sich dann stets in Richtung des Balles. Hierdurch entsteht in der Nähe des Balles ein engmaschiges Spielernetz, wodurch Angriffe des Gegners meistens unterbunden werden können. Mannschaften, die dies perfektioniert haben, können Gegner damit an den Rand der Verzweiflung bringen. Das Paradebeispiel unserer Tage ist hierbei sicherlich die Nationalelf Spaniens.

Aber nicht nur in der defensiven Arbeit ist Spanien das Beispiel für eine Perfektionierung des Spieles im Raum, mittels Pressing und gegen den Ball. Die Iberer verstehen es auch, solch einen Defensivverbund zu "knacken". Im heutigen Spiel ist vor allem Fertigkeit am Ball gefragt. Dies meint eine sehr gute Ballannahme und schnelle Weiterleitung des Balles an den nächsten frei stehenden Mitspieler. So läßt sich die Überzahl des Gegners geschickt aushebeln. Erzeugt der Gegner, beispielsweise, auf der rechten Seite eine Überzahl und pressed gegen den Ball, so muss das Spiel auf die linke Seite verlagert werden, weil die Abwehr des Gegners nun dort verwundbar ist. Ist die angreifende Mannschaft in der Lage eine schnelle Ballstafette auf die andere Seite zu spielen, so erarbeitet sie sich in den dortigen freien Räumen auch entsprechende Torchancen. Diese schnelle Weiterleitung des Balles, zur Gewinnung von Freiräumen, zeichnet die Spanier aus. Kein anderes Team der Welt beherrscht dies so gut und effektiv wie die Mannen aus Madrid oder Barcelona.

Wenn man die Veränderungen der Taktiken betrachtet, so wird zudem eines klar. Das heutige Spiel bedarf einer sehr ausgeprägten Fitness. Die Akteure müssen wesentlich flexibler agieren, da sie nicht mehr so starr in einer Position gebunden sind. Neben dem Spiel nach vorne ist auch das Spiel gegen den Ball von ernormer Bedeutung. Die Protagonisten müssen, in Abhängigkeit zur Spielsituation, Räume abdecken und zeitlich passend in Zweikämpfe einsteigen. Laufwege und Tempowechsel spielen so eine wesentlich wichtigere Rolle in Relation zu früheren Zeiten.

Speziell die Vierer Abwehr Kette ist aber auch ein Instrumentarium um Gegner ins Abseits zu stellen. Mit einem tief stehenden Libero wäre dies absolut unmöglich. Die Abwehrkette schiebt sich so weit nach vorne, dass lauernde Stürmer bei einem möglichen Zuspiel abseits stehen. Auch dies ist ein effektives Mittel um in Ballbesitz zu gelangen und den Gegner zu entnerven. Es ist aber auch riskant. Dies gilt insbesondere dann, wenn der Gegner über schnelle Sturmspitzen verfügt.

Zum Abschluss sollte man das Konterspiel betrachten, welches die Borussia aus Mönchengladbach ja auch gerne betreibt. Bei einem Konter sind die vorgenannten Raffinessen des Pressing, der Raumdeckung, etc. außer Kraft. Eine Mannschaft verliert in der Vorwärtsbewegung den Ball und kann sich nicht schnell genug organisieren. Mit einem schnellen Angriff kann die andere Mannschaft dann in die freien Räume starten und dort die entsprechende Torchance heraus spielen. Man spricht von einem sogenannten Konter, der nichts anderes als einen Gegenangriff meint.

Mit der Strategie des Aufrückens beim Spiel gegen den Ball, der Verteidigung in Viererketten oder des Pressing, hat die Bedeutung des Konters zugenommen. Oftmals finden Spiele heute auf einem "Streifen" des Spielfeldes im Mittelfeld statt. Verliert hier eine Mannschaft in der Vorwärtsbewegung den Ball, so kann ein schneller Paß in die Tiefe brandgefährlich werden.

Vielleicht findet man irgendwann neue Taktiken, die Erfolg versprechen.   Manches Spiel heute leidet, wenn sich zwei Mannschaften treffen, die defensiv perfekt ausgerichtet sind. Mitunter stehen dann 90 Minuten Mittelfeld Geplänkel ohne Torchancen auf dem Programm. Für den Experten vielleicht interessant, für den "normalen" Zuschauer eher langweilig.....

Stand: 08.01.2013

Mister Bulicheck - Experte für Borussia Mönchengladbach und die Fussball Bundesliga!